Zwischenruf!
Herne ist eine besondere Stadt – wenn man der Statistik und den Presseberichten der letzten Jahre folgt. Seien es die Versiegelungsrate, der Mangel an Bäumen und Grünflächen, die Luftqualität, die Feinstaubbelastung, die Lärmbelastung, die sozialen...
Abrechnung mit der Klimapolitik
...Faktoren (Armut, Bildung), die Sterblichkeit, die Neuerkrankungsraten an chronischen Atemwegserkrankungen oder Krebs – in all dem sind wir entweder Spitzenreiter der bundesdeutschen Statistik oder auf den Spitzenplätzen. (Die aufschlussreiche Statistik der WiWo ist leider hinter einer Bezahlschranke).
Uns Bürger*innen, der Politik und der Verwaltung stehen die Werkzeuge zu Verfügung, die Situation und den Veränderungsbedarf sichtbar und deutlich zu machen.
Es gibt die Klimaanalyse, das Klimafolgenanpassungskonzept (auch für einzelne Stadtteile – hier z.B. für Eickel), das integrierte kleinräumige Monitoring, sogar ein Handbuch zur Umsetzung des Klimafolgenanpassungskonzepts, die Informationen des LANUV, immer wieder entsprechende Berichte in der Presse und vieles mehr - alleine die Fülle der Informationen machte es schwer für den Laien – und das sind unsere Politiker in der Regel für viele Bereiche auch – die Sachlage wirklich zu durchdringen.
Wer aber allein die Publikationen in der WAZ verfolgt hat, weiß genug: Auf der einen Seite wird von Verwaltung und Politik in Herne, trotz anderslautender Datenlage (Gutachten zur Bestimmung von Gebieten mit einem angespannten Wohnungsmarkt in Nordrhein Westfalen) dringender Bedarf an Wohnungsneubau geltend gemacht. Und das nicht nur, wie eigentlich angemessen, hauptsächlich im sozialen Wohnungsbau, sondern durchaus regelmäßig auch im gehobenen Segment mit Preisen ab rund einer halben Million pro Reihenhaus/ Wohneinheit. Man könnte beim Verfolgen der Meldungen über geplante Erschließungen und Neubauvorhaben den Eindruck gewinnen, dass die Stadt jede sich bietende Öffnung nutzt, um dort Investoren als Schatzsucher loszulassen.
Auf der anderen Seite machen die Veröffentlichungen der letzten Jahre allein in der WAZ deutlich: „Der Klimawandel trifft die Stadt Herne mit voller Wucht“ (WAZ, 26.09.2019) und nicht nur das!
- Der Ausbau der beiden Autobahnen, der A43 jetzt und der A42 in Zukunft wird die Belastung der Bürgerinnen und Bürger noch einmal drastisch verschärfen: Mehr Autobahn führt (auch das statistisch bewiesen) zu mehr Verkehr. Mehr Feinstaub. Mehr Schadstoffe. Mehr Lärm. Auch dass die mit Bäumen und Buschwerk dicht bewachsenen Böschungen auf beiden Seiten der Autobahn für die Erweiterung fallen mussten, verschlimmert die Lage unweigerlich, da die dämpfende und filternde Wirkung der Bäume und Sträucher fehlen wird.
- Industriebrache Blumenthal: Die größte zusammenhängende Freifläche im Stadtgebiet, die die Natur sich schon teilweise zurückgeholt hat und die laut den Karten des LANUV und in der eigenen Erfahrung der Menschen im Quartier im Sinne der Klimafolgenanpassung stark positiv wirksam ist, soll dem Luftschloss einer „Ruhr Technologie international“ geopfert werden und bis auf wenige Reste bebaut werden. (Der auf den Präsentationen der Stadt ausgewiesene „Blumenthal Park“ der der geschützten Kreuzkröte und den Bürger*innen „Natur“ geben soll, ist eine Schimäre: Die Fläche ist deckungsgleich mit dem Sicherungsbauwerk, in dem jetzt bereits die kontaminierten Böden aus der Fläche der Fa. Stadler eingepackt sind. Dort sollen jetzt im Rahmen der Sanierung der Gesamtfläche noch die kontaminierten Böden des Restgeländes hinzukommen. Falls die Grundfläche des Sicherungsbauwerks bleiben soll, wird das ein Übfeld für Kletterer, aber nichts für Spaziergänger und Kröten. Was auf der Präsentation als „Erhalt von Waldstrukturen“ ausgewiesen sind, ist deutlich weniger als die Hälfte, also ein kläglicher Rest der jetzt bestehenden Waldflächen.)
- Seilbahn: An sich ein sinnvoller Weg, belastungsarm und elegant den ÖPNV zu ergänzen, ist sie hier die Luftbrücke hin zum Luftschloss – ob und wie sie als sinnvolle Erweiterung des Herner ÖPNVs wirken kann, ist noch völlig in den Sternen. Als wirksamer Impuls für die Mobilitätswende wird sie wohl kaum wirken. Wie ernst das Projekt zu nehmen ist, zeigt vielleicht Herr Friedrichs, der vorige Dezernent im Planungsamt, mit seiner Aussage, die Seilbahn sei doch wie das Riesenrad auf Crange – nur horizontal, auf einer Trasse. (WAZ, 15.08.2023)
- Funkenberg Quartier: Eigentlich genial! Hier wird eine Gewerbefläche umgenutzt und nachverdichtet, es werden Parkmöglichkeiten fern der Bürgersteige geplant und sogar eine integrierte Grünfläche. Aber wieso müssen große, gesunde Bäume dafür fallen? Gleich 62 durch die Baumschutzordnung geschützte Bäume und noch deutlich mehr, die ebenso klimawirksam, aber nicht im Bereich der Baumschutzordnung sind! Es muss doch möglich sein, den Bereich an der Schüchtermannstraße so zu planen, dass dieser, auch durch die Anpflanzung der doppelten Anzahl junger Bäumchen nicht zu ersetzende Verlust vermieden werden kann. (WAZ, 17.03.2025)
- Apropos: Ersatzpflanzungen! Im Artikel „Baumbilanz“ aus der WAZ vom 09.06.2024 macht Herr Muscheid deutlich, dass nicht nur die Zahl der nachgepflanzten Bäume zu niedrig ist, sondern er weist auf einen Missstand hin, der schon mehrfach im Umweltausschuss und im Rat hinterfragt wurde: Ein Teil der Ersatzpflanzungen kann mangels geeigneter Flächen gar nicht in unserem Stadtgebiet erfolgen, sondern wurde z.B. in Recklinghausen gleistet.
- Verkehrswende: 2023 wurde als ein im Rat stark reduziertes Paket die Verkehrswende für Herne beschlossen: Mehr ÖPNV, 30% weniger motorisierter Individualverkehr und vieles mehr. (WAZ, 06.11.2023)
Wenn man sich nun weiter durch das Archiv der entsprechenden Veröffentlichungen der WAZ liest, wird klar: Die Prioritäten in Herne müssen neu gefasst werden. Damit die Menschen, die in dieser Stadt leben und arbeiten, Bedingungen vorfinden, die diese Stadt lebenswert sein lassen, genügt es nicht, sich ein optimistisches Motto zu geben (Grün, Wasser mittendrin), sondern dann muss eine der höchsten Prioritäten sein, Grünflächen zu bewahren, zu schützen und neu anzulegen. Waldflächen, auch kleinste, sogenannte „Tiny Forests“ wirken dramatisch positiv gegen Hitze und Schadstoffbelastung. Dass infrastrukturelle Maßnahmen das Mobilitätsverhalten der Menschen deutlich beeinflussen, wird an großen europäischen Städten (aktuell: Paris), die sich mutig auf den Weg gemacht haben, mehr Lebensqualität für ihre Bürger*innen zu schaffen, sichtbar. Schaffen wir das in Herne auch – oder resignieren wir und nehmen das stete Wachstum der Autolawine nur zur Kenntnis? Dass Politik und Verwaltung das Thema eines städtebaulichen Transformationskonzepts in Form einer wiederholten Workshop-Arbeit aufgreifen, lässt Hoffnung aufkommen.
Die Bürgerinitiative für mehr Lebensqualität in Herne e.V., von der WAZ gerne „XXL-BI“ genannt, ist der Zusammenschluss vieler Bürgerinitiativen, die sich immer wieder an dem Erlebnis, dass die Prioritäten von Politik und Verwaltung noch nicht in der nötigen Konsequenz die neue Wirklichkeit des Klimawandels und die alte Wirklichkeit der dramatischen Belastung Lärm und Dreck widerspiegeln, entzünden.
Herne, 28.03.2025
Tillman Kieser
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